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Geschichte
Wie die tibetische Medizin nach Burjatien kam
Die Geschichte der tibetischen Medizin ist eng an die Geschichte des Buddhismus in Russland geknüpft. Heute gibt es drei Regionen in der Russischen Föderation in denen tibetischer Buddhismus praktiziert wird: Kalmükien, Tuva und «Burjatien», bestehend aus der Burjatischen Republik und mehreren kleineren autonomen Kreisen, wie Aga-Burjatien (Aginskiy-Buryatskiy Avtonomniy Okrug). Im Folgenden konzentriere ich mich auf Burjatien.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen burjatische Clans vom Norden der Mongolei nach Transbaikalien einzuwandern. Etwa zur gleichen Zeit kamen russische Kosaken in diese Region. Sie errichteten Forts und beanspruchten die Gebietshoheit. Nach der Machtergreifung der Manchu-Dynastie in China wählten die Burjaten das kleinere von beiden Übeln und anerkannten die russische Hoheit über die von ihnen besiedelten Gebiete.
Der tibetische Buddhismus interessierte die Burjaten anfänglich kaum. Der Schamanismus blieb sehr stark in der burjatischen Kultur verankert. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts begann der Buddhismus zögerlich in die Steppen und Halbsteppen östlich des Baikalsees vorzudringen. 1712 kam eine Gruppe von 150 Mönchen aus Tibet und der Mongolei nach Burjatien, unter ihnen Chokyi Nawang Puntshog, ein Emchi – so die mongolische Bezeichnung für einen tibetischen Arzt –, dem eine wichtige Rolle bei der Etablierung der tibetischen Medizin in Burjatien zugeschrieben wird.

Erst im 19. Jahrhundert vermochte die lamaistische Klosterkultur in Burjatien richtig Fuss zu fassen. Die russischen Zaren setzten dieser Entwicklung wenig entgegen, trotz des gelegentlichen Aufbegehrens der einflussreichen orthodoxen Kirche. Die politischen Motive überwogen: man wollte die Burjaten nicht gegen sich aufbringen, galt es doch, die noch schwache Kontrolle über die riesigen Gebiete Ostsibiriens nicht zu gefährden. Das Speranskiy Statut von 1822 untermauerte diese Politik und sicherte den Burjaten Privilegien wie die Befreiung von Steuern und Militärdienst. In der Folge entwickelte sich der Buddhismus sehr schnell.
Mitte des 19. Jahrhunderts gab es bereits 34 Klöster in Buryatien. Einige von ihnen betrieben grosse Klosteruniversitäten. Das Curriculum der grossen tibetischen Universitäten diente als Vorbild und das ganze System der tibetisch-buddhistischen Ausbildung bis hin zum Geshe-Grad, dem buddhistischen Doktor der Philosophie, wurde in Burjatien angeboten.

Diese kurze Zusammenfassung zeigt mehrere Dinge: Tibetische Medizin in Burjatien entwickelte sich nicht ungestört in einer abgelegenen Region über Jahrtausende hinweg, bis plötzlich eine europäische Macht auftauchte. Nein: Burjaten und Russen kamen etwas zur gleichen Zeit in die Region. Weltpolitik und globale Machtstrategien wirken von Beginn weg bestimmend. Und die tibetische Medizin kam durch buddhistische Missionare nach Burjatien – nicht in grauer Vorzeit, sondern im 18. und 19. Jahrhundert. Die Geschichte der tibetischen Medizin in Burjatien ist eng mit der asiatischen und der europäischen Geschichte verflochten.

Anpassung an lokale Bedingungen
Das Hauptproblem für burjatische Ärzte war, dass viele der traditionellen Heilkräuter der tibetischen Medizin nicht in Burjatien wuchsen und nur teuer und schwierig zu bekommen waren. Um dieses Problem zu lösen, begannen die Ärzte, traditionelle tibetsiche Kräuter durch lokale zu ersetzen. Ein dynamischer Transformationsprozess begann. Tsiren Lama, ein tibetischer Arzt in Ulan-Ude sagt dazu: «Unsere burjatischen Kräuter unterscheiden sich von mongolischen. Und mongolische von tibetischen. Wenn tibetische Ärzte zu uns kommen, kennen sie unsere Kräuter nicht einmal. Das heisst: Tibetische Medizin ist schon burjatisch geworden. Und in der Mongolei mongolisch. Für die Ausbreitung der tibetischen Medizin bedeutet das: Sie kann in jeder Region dieser Welt funktionieren. Sie muss sich nur den lokalen Bedingungen anpassen.»

Tibetische Medizin als dynammische Wissenschaft
«Journeys with Tibetan Medicine» folgt dieser Ausbreitung der tibetischen Medizin und legt den Fokus auf die historischen Bedingungen, denen sie begegnete und die Transformationen, die sie durchlief. Der Film zeigt tibetische Medizin als eine dynamische, zeitgenössische Wissenschaft. Und er erzählt die Geschichte der Badmayevs, die eine wichtige Rolle für die tibetische Medizin in Russland und ihre Odyssee in den Westen spielten.

Weiter: Die Badmayevs
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