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Burjatien
Tibetische Medizin heute
In Buratien, wie im Westen, musste sich die tibetische Medizin gegenüber den Dogmen, Vorstellungen und Methoden der Naturwissenschaften behaupten. In den 60er Jahren beschloss die sowjetische Regierung, die Erforschung der tibetischen Medizin wieder aufzunehmen. Die sowjetische Akademie der Wissenschaften in Ulan-Ude erhielt daraufhin 1968 eine Abteilung für östliche Medizin. Bücher wurden übersetzt, Rezepte erforscht, Inhaltsstoffe analysiert. Und vorsichtig wurde auch die Hilfe der wenigen Lamas gesucht, die überlebt hatten. Die tibetische Medizin Burjatiens fand wieder eine Heimat in Russland: in den Labors des sowjetischen Wissenschaftsbetriebs.

Computerisierte Pulsdiagnose
Ein Beispiel dafür, wie sich die sowjetische Wissenschaft der tibetischen Medizin annahm, ist das Projekt einer computergestützen Pulsdiagnose. Das Projekt begann 1983 mit einem interdisziplinären Team aus Ingenieuren, Programmierern, Tibetologen, Mathematikern und einem tibetischen Arzt, der in den 30er Jahren in die Manchurai geflohen war. Zusammen machten sie sich daran, die Pulsdiagnose mit naturwissenschaftlichen Methoden zu untersuchen. Heute, nach 20 Jahren Arbeit, wird ihre Maschine in mehreren Spitälern getestet.
Die von der Maschine produzierte Diagnose ist eine tibetische und der behandelnde Arzt muss mit tibetischer Medizin vertraut sein, um sie zu verstehen. Der nächste Schritt ist nun die Entwicklung eines Expertensystems, das die Resultate in eine schulmedizinische Diagnose übersetzt.
Die Frage stellt sich natürlich, was tibetische Ärzte vom Projekt halten. Sicher werden die Wissenschaftler manchmal belächelt. Ein tibetischer Arzt mag denken: «Wozu soll das gut sein? Ich brauche ja nur meine Hände dafür.» Aber das Team hat sich über die Jahre auch Respekt verschafft. Und die meisten tibetischen Ärzte wissen, dass der Nimbus der Naturwissenschaften ihrer Sache letztlich nur dienen kann.

Eastern Medicine Centre in Ulan-Ude
Mit Gorbachov begann Ende der 80er Jahre die Perestroika. Erneut veränderten sich die Bedingungen für die tibetische Medizin. Sie gewann als Teil einer wieder aufblühenden burjatischen Identität an Bedeutung. Lange war die tibetische Medizin auf die experimentelle Erforschung im Labor beschränkt gewesen. Nun fand sie zurück in die Praxis und konnte ins offizielle Gesundheitssystem integriert werden. 1989 öffnete eine staatlich anerkannte Klinik ihre Tore: Das Eastern Medicine Centre in Ulan-Ude.
In den weissen Mänteln der Schulmedizin wird hier eine eigene, buryatisch-tibetische Medizin praktiziert und ein breites Spektrum östlicher Heilmethoden angewandt. Eine Transformation, die in der buddhistischen Welt nicht nur auf Zustimmung stösst.

Burjatisch-buddhistisches Institut Aginsk
Nach der Auflösung der Sowjetunion fand das Studium der tibetischen Medizin auch zurück in die Klöster Burjatiens. 1993 wurde das Burjatisch-Buddhistische Institut Aginsk gegründet. Es bietet auch einen Studiengang für tibetische Medizin an. 2003 wurde das Curriculum um einen Studiengang in westlicher Schulmedizin ergänzt. Er führt zu einem staatlich anerkannten Medizindiplom . Eine bislang wohl einmalige Sache: Tibetische und westliche Schulmedizin gemeinsam unter einem Klosterdach.

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