Synkie-Projektbeschrieb

Detaillierte Beschreibung der Projektidee

In früheren Arbeiten haben wir die Grenzen der digitalen live Videobearbeitung ausgelotet (unter anderem mit dem Videobass von Anyma) und dabei durch Erfahrungen im Bereich der analogen Klangerzeugung und Bau von Synthesizern dieses direkte und haptische Arbeiten immer etwas vermisst. Die Einfachheit im Bearbeiten des Signalflusses und deren unmittelbare Resultate ohne Latenz und Umwege über Software in konzertanten Situationen ist ein grosser Wunsch und Vorbild im Arbeiten mit Video. Zudem beobachten wir einen stereotypen Einsatz gängiger Visual-software (modul8 etc).

Dies führte zu einer ersten Idee eines analogen Videoprozessors, welcher als live Instrument und Forschungswerkzeug benutzt werden kann.

Das “Synkie” System erlaubt es, Konzepte aus dem Audiobereich (modulare Systeme, circuit bending, Effektpedale etc) in einer ähnlichen, unbeschwerten Art auf Bilder zu übertragen, und ermöglicht einen ganz neuen und kreativen Umgang mit Visuals.

Im Vergleich zu einem Audiosignal ist analog Video wegen den viel höheren Frequenzen (bis MHz) einiges schwieriger zu bearbeiten. Es ist ausserdem zeilenbasiert und enthält Synchronisationspulse, welche nicht modifiziert werden dürfen, da sonst die nachfolgenden Geräte (Beamer, TV, Recorder… ) aus dem Schritt geraten. Grundprinzip des Synkie ist es, diese Signale am Eingang abzutrennen und ganz am Schluss der Kette wieder sauber einzufügen.

Der Synkie ist ein modulares System zur Verfremdung analoger Videosignale. Die Grundidee liegt darin, beliebige Veränderungen der Bildinformation zu erlauben, dabei aber die zur zweidimensionalen Darstellung des Bildes essenziellen Synchronisationssignale zu erhalten. Dieser Ansatz erlaubt einen ganz neuen Zugang zum Bild, nicht über die darin dargestellten Inhalte, sondern als abstrakte physikalische Grösse, die nach Belieben bearbeitet und verfremdet werden kann.

Dadurch erschliessen sich viele neue Möglichkeiten zur Erzeugung ungewohnter visueller Erlebnisse. Insbesondere die Audioelektronik bietet interessante Inspirationsquellen, von Oszillatoren über Filter und Ringmodulatoren zu Sample-and-Holds; Aber auch Motorspulen oder ausgediente Wecker können jetzt einfach in den Signalweg eingebaut und so als Videoeffekte zweckentfremdet werden. Genauso können fremde Signale wie Audio oder Datenübertragungen als Bildsignale uminterpretiert und mit einem Videobild gemischt werden. Der Synkie ist somit vor Allem eine Experimentierplatform, die einen spielerischen Umgang mit Video als elektrischem Signal ermöglicht.

Was ist die Zielsetzung des Projekts? Was soll es aussagen, vermitteln, darlegen?

Wir wollen ein neuartiges Instrument entwickeln, welches einen musikalischen Zugang zum bewegten Bild ermöglicht.
Der Synkie an und für sich ist nicht Kunst, sondern ein Werkzeug um Kunst zu machen.

Werkzeuge bestimmen immer auch die Werke, die damit geschaffen werden.
So ist konventionelles Videoequipment primär dafür konzipiert, Reportagen oder Ferienfilme herzustellen, nicht um Musik zu machen.
Die Ergonomie und Funktionsweise dieser Geräte ist auf eine spezifische Arbeitsweise ausgelegt, und wer etwas anderes damit machen will, muss sich entweder damit abfinden, das Gerät hacken, circuit benden, oder selber neu bauen.

Synkie benutzt dieselben Technologien, aber einen komplett anderen Arbeitsansatz, und bringt damit das Medium Video auf eine andere Ebene.

In welchem Kontext bewegt sich das Projekt? (z.B: welche gesellschaftliche, medienpolitische, philosophische, künstlerische oder wissenschaftliche Themen berührt das Projekt)

Der Synkie knüpft an die “Experimental TV” Ära der siebziger Jahre, als Nam June Paik, Bill Etra, Dave Jones und viele andere mit dem noch relativ jungen Medium Video zu experimentieren begannen, weg vom cinematographischen Umgang mit Bildern hin zu einer eigenen Kunstform. Dan Sandin hat 1974 mit seinem “Sandin Image Processor” einen Vorgänger des Synkie gebaut. Einige der Systeme wurden eine Weile kommerziell für Effekte in Werbung und Musikclips eingesetzt. Dann kam ziemlich schnell schon die digitale Revolution – heute wird Video nur noch am Computer bearbeitet, die alten Geräte verstauben im Estrich und Ersatzteile sind nicht mehr zu finden.

Digitale Bildbearbeitung bietet auf den ersten Blick nur Vorteile, und auch wir selbst könnten uns die Welt nicht mehr anders vorstellen. Warum also zurück gehen zur analogen Technologie?

  • Analoge Technik hat seit den siebziger Jahren ebenfalls eine riesige Evolution durchgemacht und es bieten sich Möglichkeiten, die damals noch undenkbar waren.
  • Latenz. Jegliche digitale Bildbearbeitung benötigt die vorangehende digitalisierung eines Bildes. Dies braucht Zeit. Es vergehen mindestens 80ms, dh fast eine Zehntelssekunde, bis ein Bild verfürgbar ist, in der Regel sind es mehr. Für Musiker sind schon 10ms Latenz auf ihrer Soundkarte untragbar…
    Der Synkie sieht die Bildinformation als Signal, jegliche Manipulation wirkt sich sofort in Echtzeit aus
  • Analoge Technologie hat auch etwas unberechenbares. Unkontrollierbare Einflüsse der Aussenwelt, Störungen, Interferenzen… Und etwas, was man in der Photographie als “Korn” bezeichnen würde, etwas warmes, rauhes, manchmal dreckiges – etwas das man digital allerhöchstens nachträglich künstlich wieder reinmacht, damit die Bilder “natürlich” wirken…
  • Das bewusste Einsetzen von analogen Signalprozessoren (z.B. Rören- Mikrofone & Verstärker, spezielle Outboard Effekte etc) ist in der Musik und vorallem im Recording Bereich in den letzten JAhren zur Selbstverständlichkeit geworden. Man hat die Vorzüge des digitalen zu schätzen gelernt, jedoch auch klar die Grenzen dieser Technologie kennengelernt. rein digitale Aufnahmen werden im professionellen Bereich praktisch nicht mehr erstellt weil sie auf dauer leblos und langweilig klingen. Auch in der Fotografie können Ähnliche Tendenzen festgestellt werden. Durch die komplexe Technik von Video ist ein Projekt wie der Synkie von grosser Bedeutung um auch in dieser Sparte ein interessantes Zusammenspiel von digital und analog zu ermölichen.

In wieweit werden neue Medien eingesetzt?

Wie alt darf ein Medium sein um noch als “neu” zu gelten?

Video ist im Vergleich zu Twitter ein uraltes Medium. Dennoch glauben wir, dass es in diesem Medium noch viel zu entdecken gilt. Video ist für Jugendliche heute gleich YouTube und Filme auf dem Handy. Dabei ist Video allererstens ein elektrisches Signal, eine Welle. Es ist eines der wenigen Medien, welche wirklich in Echtzeit gespielt und bearbeitet werden können.

Inwiefern setzt sich dieses Projekt mit Medien auseinander?

Der Synkie gibt im Wortsinn Zugriff auf das Medium der Kommunikation. Statt auf inhaltlicher Ebene arbeitet er auf der Ebene der physikalischen Repräsentation der Information und entkoppelt sie so vom semantischen Kontext. Erst der Betrachter gibt dem erzeugten Signal wieder neuen semantischen Inhalt, indem er seine Erfahrungen und Erwartungen wie auch seinen emotionalen Zustand auf das resultierende Bild anwendet. Dieses Spiel mit der Dichotomie zwischen Träger und Inhalt berührt grundlegende Fragen zum Wesen der Information und der Kommunikation. Der Synkie ist ein Werkzeug, um diese Fragestellungen zu erforschen.

Vorgehen bei der Entwicklung/ Umsetzung

Nach einigen Machbarkeitsstudien in 2008-2009 begannen wir 2010 einen ersten Prototypen zu bauen. Seither haben wir schon verschiedene Module in mühseliger Handarbeit aufgebaut und konnten diesen Work in Progress auch schon als “Analog Visuals Labor” an mehreren Orten zeigen, unter anderem am Shift Festival der elektronischen Künste in Basel und am Obsolesence Festival in Paris. Die ersten Resultate sind auf jeden Fall vielversprechend, was die Handhabung und die neuen Ausdrucksmöglichkeiten mit Bildern anbetrifft, und das Instrument stiess sowohl bei Fachleuten wie auch bei Laien auf grosses Interesse.

Der Synkie ist jedoch ein komplexes Instrument, und das Konzept kann erst definitiv überprüft werden, wenn in gewisses kritisches Mass an Modulen verfügbar sind. In einem ersten Schritt sollen daher zwei Testsyteme mit ungefähr je 30 Modulen gebaut werden. Aufgrund einer Evaluierung dieser Systeme, genauen Messungen und Erprobung im Livekontext werden im Frühjahr 2012 die definitiven Spezifikationen erstellt.

Anhand derer wollen wir bis Sommer 2012 die bis anhin entwickelten Module überarbeiten, sodass wir davon eine kleine Serienproduktion in Auftrag geben können.

Der Prozess wird laufend auf unserem weblog dokumentiert (http://www.anyma.ch/blogs/research/category/projects/synkie/)
und das Endprodukt inklusive genauen Bauanleitungen, Stücklisten, Messungen und Beispielen auf einer eigens dafür eingerichteten Website unter einer freien Lizenz publiziert.

Partner bei der Realisierung

Eine Kollaboration mit dem Experimental TV Center in New York war angestrebt, aber dessen Schliessung im Sommer 2011 stellt in Frage ob und wie eine Zusammenarbeit doch noch zu stehen kommen kann.

Im Moment läuft das meiste in Sachen experimentelles Video über Mailinglisten und Foren. Darum versuchen wir über diese Plattformen aktiv zu werden und die Informationen gut aufbereitet hier zur Verfügung zu stellen. Wichtig sind auch Festivals (z.B. Transmediale (D),VideoEx (CH), 700 (IS) wo man ein interessiertes Publikum erreichen kann.

Was ist das Endprodukt des Projektes, wie sieht es aus?

Ein Ende wird es nicht geben. Der Synkie ist offen für Neues und wird sich weiterentwickeln. Konkretes Endprodukt des Projektes, für welches wir hier Geld beantragen, sind:

  • Ein gutes Dutzend verschiedene Bildbearbeitungsmodule
  • Baupläne, Dokumentation
  • Einige Performances mit dem Instrument, festgehalten auf Video zur Inspiration der Nachwelt

Wo soll es einmal veröffentlicht/ ausgestellt werden

Sämtliche Baupläne für alle Synkie Module werden unter Open Source Lizenz publiziert und auf dem Internet zur Verfügung gestellt.

Die gebauten Instrumente sollen an gängigen Festivals gezeigt werden. Sie sollen einerseits über Talks, Workshops und Ausstellungen einem breiteren Publikum näher gebracht werden, andererseits aber insbesondere auch in konzertanten Live-Performances gespielt werden. Verschiedene Kollaborationen mit anderen Künstlern aus dem visuellen und musikalischen Umfeld sind in Vorbereitung.